Richtungen und Schulen des Qigong
Die Kunst des Qigong ist im Laufe von Jahrtausenden entstanden. Nach zuverlässigen Quellen beträgt das Alter von einigen Qigong-Systemen mehr als 5000 Jahren. Man meint, dass die rasche Entwicklung von Qigong auf die Herrschaft des Gelben Kaiser Huang Di fiel (mehr als 2500 Jahre v. u. Z.). Es gibt verschiedene Schulen und Richtungen von Qigong und, abhängig von den Zielen, auch verschiedene Methoden. Traditionell ab Mitte des 20. Jahrhunderts unterscheidet man die fünf Hauptrichtungen: Konfuzianische, Daoistische, Buddhistische, Medizinische (oder Heilende) und die Kampfkunst-Richtung (die Kampfkunst-Richtung wird auch manchmal Boxen-Schule genannt).
Die Konfuzianische Richtung wurde von dem berühmten chinesischen Denker Konfuzius (551-479 v. u. Z.) gegründet. In der Philosophie dieser Richtung dominierten die ethischen Grundsätze. Je länger man sie praktizierte, desto stärker entwickelte sich das Bewusstsein, die Emotionen ließen nach. Es beförderte die moralischen Eigenschaften, die Kreativität und Persönlichkeit sowie den gesellschaftliche Nutzen des Einzelnen. Dafür musste man den Zustand der Befriedigung, Stille und inneren Ruhe erreichen.
Die Daoistische Richtung entstand im 3. Jh. v. u. Z. auf der Basis alter Kulte, verschiedener Glaubensrichtungen und philosophischer Lehren. Der Hauptbegriff in allen daoistischen Richtungen war „Dao“ – „der Weg“. Seine Haupteigenschaft ist die Natürlichkeit und Ungezwungenheit.
Aber das ist eine künstlich vereinfachte Übersetzung des Begriffs „Dao“. Die genaue und unkomplizierte Übersetzung eines alten Begriffs einer Kultur in eine andere Sprache, besonders in eine Sprache der Gegenwart, ist leider nicht möglich. Jede historische Epoche und jede Kultur haben ihre eigene Denkweise, Wahrnehmung und Lehrmethoden. Deshalb braucht man manchmal ein paar Dutzend Worte, um einen solchen Begriff zu erklären.
Wenn man „Dao“ von Ansicht der alten chinesischen Kultur betrachtet, dann folgt aus Schreibweise und Reihenfolge des Schreibens eine Philosophie.
Der Block links ist ein Teil der Hieroglyphe „gehen“, „Bewegung“.
Horizontale Linie rechts oben bedeutet „die ganze Welt“, „Kosmos insgesamt“.
Zwei kleine Striche oben deuten darauf an, dass der Kosmos aus Yin und Yang besteht.
Der Block rechts unten bedeutet „ich selbst“, und der gesamte rechte Teil bedeutet „Kopf“.
Daraus ergibt sich folgende philosophische Denkkette: der Mensch ist ein Erzeugnis und ein Teil des Universum, deshalb entwickelt er sich ganz gemäß dessen Gesetzen. Es geschieht im Laufe des Lebens, und diese Entwicklung sollte den Menschen eigentlich zum Verstehen bewegen, dass der Kosmos ganzheitlich ist, und deshalb alles in ihm zusammenhängt. Im ganzen Kosmos gibt es Gesetze und Regeln, die sowohl für die Natur, als auch für die Gemeinschaft gelten. Diese Regeln und Gesetze sollten für den Menschen als ein Teil des Universums verständlich und offensichtlich werden, sie sollten von jedem einzigen Menschen und von Gemeinschaft insgesamt verfolgt werden. Und wenn der Mensch das begreift und in sein Herz aufnimmt, wird er harmonisch und ganzheitlich, wie das Universum selbst. Dann kann er seine Arbeit in einem beliebigen Teil des Universums, in einem beliebigen Punkt des Raums und der Zeit erledigen und seine menschliche und gleichzeitig kosmische Aufgabe vollenden.
Nur in diesem Sinne hat „Dao“ die Bedeutung „Weg“: ein WEG DER ENTWICKLUNG des MENSCHEN von einfacher Existenz zum Begreifen und Verstehen und schließlich zur Erleuchtung.
Der Begriff „Daoismus“ entstand kurz vor unserer Zeitrechnung, als die Lehren von Dao und De (De ist die gute Kraft, die gute Taten ermöglicht), die Philosophie Yin-Yang, das Konzept des Geistes Shen und die Doktrin der Unsterblichkeit miteinander verschmolzen. Die wahrscheinlich wichtigste Tradition des Daoismus ist das Praktizieren von s. g. „innerer Alchemie“. Am wichtigsten in der daoistischen Richtung des Qigong ist das gemeinsame Training des Verstandes und des Körpers. Das Körpertraining schließt eine besondere Methode ein, die man „Daoyin des Verstandes“ nennt. Durch das Praktizieren von „Daoyin des Verstandes“ erlangt man die s. g. „Ruhe des Verstandes“ und das Bewusstsein erreicht einen bestimmten Zustand: „QIGONG-ZUSTAND“. Es werden nicht nur Übungen gemacht, man widmet gleiche Mühe und Zeit auch der Betrachtung der Natur um sein „Ego“ in Einklang mit dem Dao-Strom zu bringen und sich von ihm leiten zu lassen.
Die Buddhistische Richtung hat viel gemeinsam mit der Daoistischen. Diese Richtung entstand auch kurz vor unserer Zeitrechnung, als der Buddhismus von Indien nach China kam. Im Gegensatz zu den Daoisten empfinden die Buddhisten unser Leben als Abfolge der Leiden und ewigen Wiedergeburten im „Sansara“ – „dem Kreislauf der Geburten“. Sie meinen, dass nur ununterbrochene Selbstentwicklung helfen kann, das Karma zu überwinden, Erleuchtung zu erlangen und in den Buddha-Zustand zu kommen. Die meisten Erscheinungen betrachtet man im Buddhismus als Täuschungen und Illusionen. Deshalb orientieren sich die Lehrmethoden mehr auf „Beruhigung des Bewusstseins“, Vermeidung emotionaler Ausbrüche, Betrachtung, Aufgehen des Bewusstseins in „voller Wahrheit“. Im buddhistischen Psychotraining findet man viel mehr Formen von Übungen, als im Daoismus (z. B. die Betrachtung und Visualisierung von Mandalas, Aussprechen von Mantras (Sätzen) und Dharani (Kombinationen von Tönen)).
Eine besondere Rolle im Buddhismus spielt die Schule „Chan“ (sanskritische „Betrachtung, Meditation“), die im Westen als „Zen“ (japanisch) bekannt ist. Diese Schule entstand im 5. Jh. v. u. Z. Das Hautprinzip dieser Schule ist „keine lange Entwicklung, sondern plötzliche Erleuchtung, momentanes Aufhellen“. Aber die Vorbereitungsphase zur Erleuchtung war auch ganz dauernd und bestand aus Meditationen (passive Form) oder Dialogen (aktive Form), und auch ausüben von den Kampfkünsten.
Selbstverständlich findet man keine innere Ruhe, kein Auflösen, keine Vereinigung mit der Natur oder mit einer Gottheit, wenn sein Körper schwach und von Krankheiten befallen ist. Deshalb lehrte man in allen Schulen auch die Kunst der Selbstregulierung und der Heilung. Besonders schätzten diese Künste daoistische und buddhistische Mönche.
Aus den Elementen verschiedener Schulen und traditioneller Mittel der Menschen entstand die Medizinische (oder Heilende) Schule des Qigong. Die Hauptziele dieser Schule sind die Selbstregulierung, die Prophylaxe und die Heilung von Krankheiten, die Verlängerung der Lebensdauer bei gesundem Körper und klarem Verstand.
Der Name der Kampfkunst-(oder Boxen-)Schule spricht schon für sich. Die Hauptziele dieser Richtung sind Verstärkung des Körpers und des Geistes, um besser kämpfen zu können, Training einer schnellen Reaktion und der Gelassenheit in jeder Situation. Auch hier braucht man viel Kraft und Mühe, um die selbstregulierenden und heilenden Methoden zu erlernen. Selbstverständlich soll der Körper des Kriegers widerstandsfähig sein und sehr schnell nach der Erschöpfung wieder zu Kräften kommen. Aber diese Methoden unterscheiden sich drastisch von Genesungsystemen anderen Schulen und Richtungen.
Jetzt schließt in sich die Kampfkunst-Schule einige Stilen von Wushu (die nennt man manchmal Wushu-Qigong), gut bekannten in Westen Harten Qigong und weniger bekannten Leichten Qigong ein.
Das Praktizieren des Harten Qigong gibt dem Körper die Schmerzunempfindlichkeit und erlaubt das Qi praktisch momentan in jedem beliebigen Bereich der Körperoberfläche zu konzentrieren. Das erlaubt solche Phänomene wie Zerbrechen von Betonplatten, Ziegeln und hölzernen Balken, Ertragen von großen Lasten (wie z. B. Überfahrt eines Kraftwagens) oder Unverwundbarkeit gegenüber stechenden und schneidenden Waffen (wie z. B. Schwert, Speer, Degen oder Messer).
Die Meister des Leichten Qigong können das Gewicht (nicht die Masse) des eigenen Körpers verändern, sich schnell lange Zeit pausenlos bewegen, ohne müde zu sein, und auch ganz schnell, wie fliegend, auf Berge aufsteigen. So wurden früher die Eilboten und die Krieger trainiert. Jetzt gehen manchmal die Meister des Leichten Qigong über Eier, ohne die Eierschalen zu beschädigen, oder auf einem Papierband, ohne es zu zerreißen.
Man klassifiziert grundsätzlich in milde und starke Qigong-Methoden. Jede Qigong-Methode kann man einer dieser zwei Gruppen zuordnen. Die starken Methoden sind dazu gedacht, das schnelle Einschalten verschiedener funktionaler Systeme des Körpers zu erlangen sowie psychische und physische Potentiale zu realisieren. Die milden Systeme benutzt man gewöhnlich, um zu heilen. Aber es gibt keine klare Grenze zwischen diesen zwei Typen. Außerdem werden die Übungen auch nach Ausübungweise klassifiziert. In allen Schulen gibt es statische (auch ruhige oder unbewegliche), dynamische und statisch-dynamische (eine Kombination von Stellungen und Bewegungen) Übungen. Und jeder von diesen Typen ist für bestimmte Aufgaben gedacht: das Regulieren des Körpers, das Regulieren der Atmung, das Regulieren des Bewusstseins (des Verstandes) oder auch die Kombinationen von diesen Aufgaben.
Diese Klassifikation entstand am Anfang des 20. Jahrhunderts und ist relativ, weil viele Grundlagen und philosophische Grundsätze gleichzeitig zu verschiedenen Schulen gehören. Der Begriff „Dao“ gehört z. B. zu allen Richtungen und Schulen Chinas. Außerdem entstand der Begriff „Qigong“ erst im 3.-4. Jh. u. Z. als Bezeichnung für eine spezialisierte Richtung. Und erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erweiterte sich der Begriff „Qigong“ auf alle chinesischen Systeme des psychophysischen Trainings.
Nach Gründung der Volksrepublik China 1949 hat auch die planmäßige Forschung in Qigong-Gebiet begonnen. Die Wirkung des Qigong auf den Körper und die Psyche des Menschen wurde sorgfältig untersucht. Diese Forschungsarbeiten wurden in den Zeiten der Kulturrevolution abgebrochen, aber in den 70er Jahren ganz intensiv fortgesetzt. Qigong wurde in verschiedenen Kliniken und Sanatorien, und auch in den Hochschulen eingesetzt. Auch die Chinesische Akademie der Wissenschaft befasst sich ganz kräftig damit. Jetzt findet man Qigong als ein Pflichtfach in allen chinesischen Universitäten. Es wird von berühmten Meistern verschiedener Richtungen gelehrt, auch von buddhistischen und daoistischen Mönchen.
Die Lebensweise der daoistischen und buddhistischen Klöster unterscheidet sich stark von Christlichen. Nicht alle Mönche verbrachten (und verbringen) in den Klöstern ihr ganzes Leben. Die Mönche lernten gewöhnlich in den Klöstern, bis sie zu den Meistern in ausgewähltem Bereich wurden, entweder in den Kampfkünsten oder in der TCM. Diese Ausbildung könnte Jahre oder auch Jahrzehnte dauern. Und es passierte von Zeit zu Zeit, dass einer der Mönche, der sich zum Meister entwickelt hatte, in die Außenwelt ging, um ihr zu dienen und Schüler zu lehren. Er konnte viele Jahre durch China reisen, um die besten Schüler auszusuchen und zu unterrichten. Aber in der Regel fand diese Ausbildung in den Klosterschulen statt.
Dank intensiver Entwicklung des Qigong (Ausbildung des Volkes, forschungs-wissenschaftlichen Untersuchungen und weiterer Heilpraxis (Qigong-Therapie)) vermischten sich teilweise die Qigong-Stile, und die traditionelle Klassifikation entsprach nicht mehr dem eigentlichen Stand der Sache. Deshalb wurde die neue Klassifikation entwickelt.
Alle religiösen Richtungen wurden in den Religiösen Block gesondert.
Besonders schätzt man jetzt das Heil- und Genesungsqigong: alle Methoden zur Prophylaxe und Heilung. Diese Richtung benutzt man schon seit Jahrzehnten nicht nur in China, sondern auch in vielen anderen Ländern, wo chinesische Meister oder Ihre Schüler arbeiten. Diese Richtung hat sich so weit verbreitet und durchgesetzt, dass die Weltgesellschaft des Medizinischen Qigong namens „The World Academic Society of Medical Qigong“ entstand. 1998 fand die 4. Weltkonferenz des Medizinischen Qigong in Peking statt. Auf dieser und früheren Konferenzen wurden verschiedene wissenschaftlich-theoretische und Forschungsarbeiten um physiologische und Gehirnaktivitäten sowohl bei durchschnittlichen Menschen als auch bei Qigong-Meistern vorgestellt. Außerdem widmeten die Wissenschaftler und Ärzte viel Aufmerksamkeit dem angewandten Aspekt des medizinischen Qigong: heilende Methoden der Qigong-Therapie haben sich bei vielen Krankheiten als sehr wirksam erwiesen, manchmal auch bei durch westliche Medizin nicht Heilbarem.
Die nächste Richtung heißt Sportlich-Angewandte. Diese Richtung schließt verschiedene Wushu-Arten, Sanda und andere Kampfkunstarten zusammen.
Noch eine moderne und ganz junge Richtung ist das Wissenschaftliche Qigong. Die Ziele des wissenschaftlichen Qigong sind:
1. Erforschen der verborgenen Fähigkeiten des menschlichen Körpers, Veränderungen im Körper des Qigong-Meisters während des Praktizierens oder Heilens, Veränderungen im Körper des Patienten (Rezipienten) während Einwirkung der Qigong- Methoden.
2. Erforschen solcher Phänomene wie z. B. Telekinese und Teleportierung (Arbeit mit der Zeit und dem Raum).
3. Erforschen von Methoden des Informationsempfanges im Qigong (wie z. B. Hellsehen, Weitsehen, Telepathie).
Besonderen Platz besitzt noch eine Richtung, die noch fast unbekannt im Westen ist: ZHONG YUAN QIGONG, dem unsere Webseite gewidmet ist. Diese Richtung gehört zu den höchsten Ebenen des Qigong.
Alle diese Richtungen bilden den Qigong-Verband der Chinesischen Volksrepublik. Viele Jahre amtierte als Präsident des Verbandes der Gesundheitsminister der Volksrepublik China. Damit wurde die Wichtigkeit des Kulturerbes und die Notwendigkeit seiner Weiterentwicklung für das Land betont. Nach dem Tod des Gesundheitsministers wurde ein technischer Wissenschaftler zum Präsidenten gewählt.
Jede Qigong-Richtung ist gleichzeitig ein Zweig und ein Teil des Qigong-Verbandes der Chinesischen Volksrepublik. Diese Verbände werden auch von Präsidenten geführt, aber diese Präsidenten sollen in der ersten Linie Qigong-Meister sein, und nicht einfach nur Meister, sondern die Besten in dieser Richtung: die Großmeister. Dabei sollen diese Großmeister auch nützliche Tätigkeiten im Rahmen geltender Gesetze und Sitten der entsprechenden Epoche ausüben. Je höher das Niveau (das Gongfu) des Meisters, je höher ist seine Position in der Assoziation, desto mehr Verpflichtungen hat er.
Außerdem arbeitet in China der Forschungsverband der menschlichen Kräfte. Mitglieder dieses Verbands können nur die Wissenschaftler sein, die in diesem Gebiet forschen.
Der Qigong-Verband der Chinesischen Volksrepublik hat viele Aufgaben. Die wichtigsten sind:
1. Ausbildung und Weiterbildung der Spezialisten.
2. Heilung und Prophylaxe verschiedenen Krankheiten, eröffnen von Heilzentren und Sanatorien für Qigong- und TCM-orientierte Heilung.
3. Organisation und Führung nationaler Qigong-Konferenzen, an denen viele Qigong-Meister, Wissenschaftler und auch Interessenten aus verschiedenen Ländern teilnehmen.
Like it? Bookmark to social nets!
